2.

 

Sarah stand auf der Veranda. Ihr Körper war im Schatten der Säulen verborgen. Damon konnte sich keine Vorstellung davon machen, wie alt sie war. Ihr Gesicht war von unbestimmbarem Alter. In ihren Augen spiegelten sich Intelligenz und Autorität. Ihre Haut war glatt und makellos und erweckte einen ungeheuer jugendlichen Anschein, der im krassen Widerspruch zu der Lebenserfahrung in ihren Augen stand, die ihn jetzt ganz direkt anblickten. Sie blieb still stehen und heftete ihre unglaublichen Augen fest auf ihn.

»Wie sind Sie durch das Tor gekommen?«

Darauf war er nicht gefasst. Damon sah sich nach dem schmiedeeisernen Meisterwerk um. Das Tor war gut einen Meter achtzig hoch und wies ein kompliziertes Muster auf, eine herausragende künstlerische Leistung. Er hatte es bei mehr als einer Gelegenheit eingehend gemustert und ihm waren die Symbole und die Darstellungen diverser Tiere, Sterne und Monde aufgefallen. Eine Collage aus Geschöpfen mit unbändiger Kraft und universellen Symbolen für Erde, Wasser, Feuer und Wind. Bisher war das Tor jedes Mal, wenn er hierher gekommen war, um das Haus und das Grundstück aus der Nähe zu betrachten, geschlossen und verriegelt gewesen.

»Es war offen«, erwiderte er schlicht und einfach.

Ihre Augenbrauen schossen in die Höhe und ihr Blick glitt von ihm zu dem Tor und wieder zu ihm zurück. Ihr Interesse schien geweckt zu sein. »Und die Hunde?« Sie ließ ihre Hand auf einen der großen Köpfe sinken und kraulte dem Tier geistesabwesend die Ohren.

»Sie haben mich flüchtig gemustert und mich für wohlwollend befunden«, antwortete er. Ein leichtes Stirnrunzeln huschte über ihr Gesicht und war im nächsten Moment wieder verschwunden. »Ach ja? Sie kommen wohl gut mit Tieren aus.«

»Ich komme mit nichts und niemandem gut aus«, entfuhr es ihm, bevor er die Worte zurückhalten konnte. Dieses unerwartete Eingeständnis schockierte ihn und brachte ihn in so große Verlegenheit, dass er nicht mit einem barschen Lachen darüber hinweggehen konnte. Folglich blieben die Worte zwischen ihnen stehen.

Sarah musterte lange Zeit wortlos sein Gesicht. Ihr direkter Blick schien seine äußere Erscheinung zu durchdringen und geradewegs in seine Seele einzutauchen. Damon war unbehaglich zumute und er fühlte sich beschämt. »Sie sollten besser reinkommen und sich ein Weilchen setzen«, sagte sie. »Ihre Aura ist von Schwärze umgeben. Ich kann erkennen, dass Sie etwas quält, obwohl ich noch gar nicht weiß, warum Sie hergekommen sind.« Sie wandte sich ab und ging ins Haus, und sie erwartete offensichtlich, dass er ihr folgen würde. Beide Hunde eilten hinter ihr her und blieben ihr dicht auf den Fersen.

Damon stand, auf seinen Stock gestützt, da und fragte sich, was in ihn gefahren war. Jetzt hatte er sie gesehen, die sagenumwobene Sarah. Sie war nichts weiter als eine Frau mit unglaublichen Augen. Aber das war auch schon alles. Sie konnte weder übers Wasser gehen noch Berge versetzen. Auch konnte sie keine unbezwingbaren Steilklippen erklimmen noch Anführer terroristischer Organisationen ermorden. Sie war nichts weiter als eine Frau. Und höchstwahrscheinlich komplett durchgeknallt. Seine Aura war schwarz? Was zum Teufel sollte das heißen? Bestimmt gab es in ihrem Haus Voodoo-Puppen und tote Hühner.

Er starrte die offene Tür an. Sie kam nicht zurück und sah auch nicht nach, ob er ihr folgte. Das Haus hatte sie geschluckt. Die mysteriöse Sarah. Damon blickte in die hereinbrechende Dunkelheit und zu den ersten Sternen und den dünnen Wolkenfetzen auf, die rasch vorübertrieben. Er wusste ganz genau, dass er ihr ins Haus folgen würde, wie ihre verdammten Hunde. Und eben dieses Wissen erboste ihn.

Damon tröstete sich mit dem Umstand, dass er nur daran interessiert war, wie man Holz und Farbe wetterfest machte und ein Haus unter den gegebenen klimatischen Bedingungen über Jahrzehnte in einem so glänzenden Zustand erhielt. Schon lange vor Sarahs Rückkehr in die Stadt hatte er sich für ihr Haus interessiert. Eine solch günstige Gelegenheit, das Haus aus der Nähe zu betrachten, konnte er sich nicht entgehen lassen. Selbst wenn das bedeutete, dass er versuchen musste, mit einer übergeschnappten Fremden höfliche Konversation zu betreiben. Er fuhr mit einer Hand durch sein dunkles Haar und warf einen erzürnten Blick auf die offene Tür. Als er eintrat und seiner Gastgeberin folgte, so gut das mit dem Gehstock, seiner defekten Hüfte und dem kaputten Bein eben möglich war, murmelte er tonlos Flüche vor sich hin.

Die Stufen, die zur Veranda führten, waren stabil und robust. Die Veranda war breit und einladend und zog sich auf allen Seiten um das Haus herum. Sie verlockte dazu, im Schatten zu sitzen und den grandiosen Ausblick auf das tosende Meer zu genießen. Hier wäre Damon gern länger geblieben, um weiterhin den Frieden auszukosten, den Sarahs Haus ausstrahlte, doch stattdessen trat er ein. Die Luft erschien ihm kühl und wohlriechend. Es duftete nach etwas, was ihn an Wälder und an Blumen erinnerte. Die Eingangshalle war geräumig und in die Bodenfliesen war ein Mosaik eingelegt. Von dort aus gelangte man in ein riesiges Zimmer.

Ehrfurcht ergriff Damon, als er das Kunstwerk auf dem Fußboden betrachtete. Während er es ansah, hatte er das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen. Das tiefe Blau des Meeres war in Wirklichkeit der Ozean des Himmels. Sterne explodierten und erwachten flackernd zum Leben. Der Mond war eine schimmernde silberne Kugel. Er stand wie versteinert da und hätte sich am liebsten hingekniet, um sich jeden Quadratzentimeter des Mosaiks ganz genau anzusehen. »Dieser Mosaikboden gefällt mir. Es ist ein Jammer, darüber zu laufen und ihn mit Schritten abzunutzen«, sagte er laut.

»Es freut mich, dass er Ihnen gefällt. Ich finde ihn wunderschön«, sagte sie. Ihre Stimme war so weich wie Samt und doch so tragend, dass er meinte, sie durch das ganze Haus hören zu können. »Meine Großmutter und ihre Schwestern haben dieses Mosaik gemeinsam erschaffen. Es hat sie sehr viel Zeit gekostet, alles genau richtig hinzukriegen. Sagen Sie mir, was Sie sehen, wenn Sie in den mitternächtlichen Himmel des Mosaiks blicken.«

Er zögerte, doch das Mosaik reizte ihn so sehr, dass er nicht widerstehen konnte. Er untersuchte es gründlich. »In den Wolken vor dem Mond sind dunkle Schatten. Und hinter den Wolken ist der Mond von einem roten Ring umgeben. Die Sterne stehen miteinander in Verbindung und bilden ein bizarres Muster. Die Leiche eines Mannes schwebt auf dem Wolkenmeer. Etwas hat sein Herz durchbohrt.« Er blickte zu ihr auf und sah sie herausfordernd an.

Sarah lächelte ihn an. »Ich wollte gerade Tee kochen. Mögen Sie vielleicht eine Tasse?« Sie entfernte sich von ihm und verschwand in der Küche, die in die Eingangshalle und ins Wohnzimmer überging.

Damon konnte das Geräusch von fließendem Wasser hören, als sie den Teekessel füllte. »Ja, gern, das klingt gut.« Das Verrückte war, dass es tatsächlich gut klang, obwohl er grundsätzlich keinen Tee trank. Normalerweise hätte er das Zeug nicht angerührt, nicht einmal eine einzige Tasse. Es sah ganz so aus, als sei er dabei, den Verstand zu verlieren.

»Die Bilder von meiner Großmutter und ihren Schwestern sind gleich links neben Ihnen, falls Sie Lust haben, sie sich anzusehen.«

Er hatte es immer für absolut lachhaft gehalten, sich Bilder von Leuten anzusehen, die er nicht kannte, aber er konnte nicht widerstehen, einen Blick auf die Fotos der Frauen zu werfen, denen es gelungen war, auf einem gefliesten Boden eine solche Schönheit entstehen zu lassen. Er schlenderte zu der Wand mit den Erinnerungsstücken. Dort hingen viele Fotografien von Frauen, manche in Schwarzweiß, andere in Farbe. Einige der Bilder waren offensichtlich sehr alt, aber er konnte mühelos die Ähnlichkeit erkennen, die diese Frauen miteinander aufwiesen. Damon räusperte sich. Er zog die Stirn in Falten, als ihm auffiel, dass sämtliche Gruppenporträts eine seltsame Gemeinsamkeit besaßen. »Warum sind auf jedem Familienfoto sieben Frauen abgebildet?«

»In unserer Familie scheint es ein eigentümliches Phänomen zu geben«, antwortete Sarah bereitwillig. »In jeder Generation bekommt eine Person sieben Töchter.«

Damon stützte sich verblüfft auf seinen Stock und musterte die Gesichter auf jedem Gruppenbildnis. »Eines von den sieben Mädchen hat immer sieben Töchter geboren? Mit Absicht?«

Sarah lachte und kam um die Ecke, um sich vor der Wand mit den Fotos neben ihn zu stellen. »In jeder einzelnen Generation.«

Er wandte den Blick von ihr ab und sah sich die Gesichter ihrer Schwestern auf einem Bild an, das unter den Fotos an dieser Wand einen zentralen Platz einnahm. »Welche trägt die Erbanlage zu diesem Wahnsinn in sich?«

»Eine gute Frage. Auf die ist bisher noch keiner gekommen. Meine Schwester Elle ist die siebente Tochter, und daher ist die Bürde der Verantwortung auf sie übergegangen. Oder der Wahnsinn, wenn Ihnen das lieber ist.« Sarah deutete auf ein Mädchen mit einem jungen Gesicht, lebhaften grünen Augen und einer üppigen roten Haarpracht, die achtlos zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war.

»Und wo steckt die arme Elle im Moment?«, fragte Damon.

Sarah atmete tief ein, und als sie den Atem langsam wieder ausstieß, senkten sich ihre langen Wimpern flatternd. Ihr Gesicht entspannte sich augenblicklich. Sie wirkte heiter und gelassen und strahlend schön. Ihr Anblick richtete etwas ganz Eigenartiges mit Damons Herz an. Er hatte das seltsame Gefühl, es sei am Schmelzen, und das jagte ihm einen unglaublichen Schrecken ein. Trotzdem konnte er seinen faszinierten Blick nicht von ihr losreißen. Für einen flüchtigen Moment bestürmte ihn das Gefühl, Sarah, die neben ihm stand, sei nicht mehr im selben Zimmer. Als hätte sich ihr Körper von ihrem Geist gelöst und diesem gestattet, durch Raum und Zeit zu reisen. Damon schüttelte sich und versuchte, diesen verrückten Eindruck loszuwerden. Er war kein phantasievoller Mensch und doch war er sicher, dass Sarah irgendwie Kontakt zu ihrer Schwester Elle aufgenommen hatte.

»Elle ist in einer Höhle voller Edelsteine tief unter der Erdoberfläche. Dort kann sie den Herzschlag der Erde hören.« Sarah schlug die Augen auf und sah ihn an. »Ich bin Sarah Drake.«

»Damon Wilder.« Er wies in die Richtung seines Hauses. »Ihr neuer Nachbar.« Er starrte sie an und sog ihren Anblick in sich ein. Er verstand nicht, was hier vorging. Er war ganz sicher, dass sie nicht die schönste Frau auf Erden war, doch sein Herz und seine Lunge beharrten darauf, sie sei es. Sarah war mittelgroß und hatte eine sehr weibliche Figur. Sie trug ausgebleichte, abgetragene Bluejeans und ein kariertes Flanellhemd. Sie war keine umwerfende Schönheit und doch brannte seine Lunge, weil er keine Luft bekam, und sein Herzschlag hatte sich beschleunigt. Sein Körper reagierte mit schmerzhaftem Verlangen auf sie, obwohl sie überhaupt nicht versuchte, sexy zu sein oder sich gar als eine verführerische Sirene zu geben. Sie stand einfach nur in ihren bequemen alten Kleidungsstücken da, ihre üppige dunkle Mähne aus dem blassen Gesicht zurückgebunden. Es war wirklich der Gipfel! Er hatte doch schon genug Pech gehabt. Warum konnte ihm diese ungeheuer ärgerliche und demütigende Erfahrung nicht erspart bleiben?

»Dann haben Sie also das alte Hanover-Haus gekauft. Die Aussicht ist phantastisch. Was hat Sie ausgerechnet in unsere Kleinstadt verschlagen? Die findet so schnell keiner.« Ihre kühlen blauen Augen musterten ihn viel zu kritisch. Ihr direkter Blick war durchdringend und taxierend. »Auf mich wirken Sie wie ein Mann, der sich in einer Großstadt wesentlich wohler fühlen würde.«

Damons Hände ballten sich um den Knauf seines Stocks herum zu Fäusten. Sarah konnte sehen, dass seine Knöchel weiß wurden. »Ich habe den Ort auf einer Landkarte entdeckt und wusste ganz genau, dass ich dort und nirgends anders leben möchte, wenn ich mich zur Ruhe setze.« Sie musterte sein Gesicht, das von Leid gezeichnet war. Die Falten hatten sich tief eingegraben und seine Augen wirkten alt und müde. Das Mal des Todes umgab ihn und er hatte aus dem mitternächtlichen Himmel im Mosaikboden der Eingangshalle den Tod herausgelesen. Dennoch fühlte sie sich auf eigentümliche Weise zu ihm hingezogen.

Ihre Augenbrauen wölbten sich zu vollendeten Bögen.

»Ich hätte gedacht, Sie seien noch zu jung, um sich zur Ruhe zu setzen. Hier geht es nicht gerade besonders spannend zu.«

»In dem Punkt muss ich Ihnen widersprechen. Haben Sie sich in der letzten Zeit mal in der Nähe des Lebensmittelladens rumgetrieben? Inez sorgt für ganz erstaunliche Unterhaltung.« In seiner Stimme traf triefender Sarkasmus mit Verachtung zusammen.

Sarah wandte sich von ihm ab, zog die Schultern hoch und nahm sichtlich eine steife Haltung ein. »Was wissen Sie tatsächlich über Inez, wenn es Ihnen schon innerhalb eines Monats gelungen ist, sich eine Meinung über sie zu bilden?« Ihre Stimme klang lieblich und interessiert, doch er hatte das Gefühl, ihr gerade fest auf die Zehen getreten zu sein.

Damon humpelte hinter ihr her wie ein Welpe und bemühte sich, keine abscheulichen Flüche vor sich hin zu murmeln. Ihn hatte noch nie interessiert, was andere Leute dachten. Jeder hatte seine Meinung und manche Menschen hatten sogar sehr fundierte Ansichten. Warum zum Teufel war es ihm wichtig, was Sarah von ihm hielt? Und warum musste sie ihre Hüften so auffordernd wiegen, dass er seinen Blick nicht davon losreißen konnte?

Die Küche war in demselben Mitternachtsblau gekachelt, das im Mosaik den Himmel bildete. Eine lange Fensterreihe bot einen Ausblick auf einen Blumen- und Kräutergarten, in dessen Mitte ein dreistufiger Brunnen stand. Sarah bedeutete ihm, sich an den langen Tisch zu setzen, während sie den Tee überbrühte. Damon konnte nirgendwo im Haus eine Staubflocke oder Schmutz sehen. »Wann sind Sie hier eingetroffen?«

»Gestern am späten Abend. Es ist ein wunderbares Gefühl, wieder zu Hause zu sein. Seit meinem letzten Besuch sind schon zwei Jahre vergangen. Meine Eltern halten sich derzeit in Europa auf. Sie besitzen mehrere Häuser und sie lieben Italien. Meine Großmutter ist bei ihnen, und daher hat das Haus hier lange leer gestanden.«

»Dann ist das also das Haus Ihrer Eltern?« Als sie mit einer Spur ihres geheimnisvollen Lächelns den Kopf schüttelte, fragte er: »Gehört dieses Haus Ihnen?«

»Gemeinsam mit meinen Schwestern. Unsere Mutter hat es uns vermacht.« Sie brachte einen dampfenden Becher Tee und stellte ihn neben seiner Hand auf dem Tisch ab. »Ich glaube, den werden Sie mögen. Er ist beruhigend und wird gegen die Schmerzen helfen.«

»Ich habe nicht gesagt, dass ich Schmerzen habe.« Damon hätte sich selbst in den Hintern treten können. Sogar in seinen eigenen Ohren hörten sich seine Worte albern an, ein trotziges Kind, das die Wahrheit abstreitet. »Danke«, murmelte er mit Mühe und versuchte an dem Tee zu riechen, ohne sie mit seinem Gesichtsausdruck zu beleidigen.

Sarah setzte sich ihm gegenüber und schlang beide Hände um ihre Teetasse. »Womit kann ich Ihnen behilflich sein, Mr. Wilder?«

»Nennen Sie mich Damon«, sagte er.

»Also gut, Damon«, sagte sie mit einem kleinen Lächeln. »Ich bin einfach nur Sarah.«

Damon konnte ihren durchdringenden Blick fühlen. »Ich habe mich von Anfang an für dieses Haus interessiert, Sarah. Die Farbe ist nicht ausgeblichen und sie blättert auch nicht ab, noch nicht einmal in der salzigen Luft. Ich hatte gehofft, du würdest mir sagen, welches Konservierungsmittel du verwendet hast.«

Sarah lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und führte die Teetasse an ihre Lippen. Sie hatten einen wunderschönen Mund. Volle, sinnliche Lippen, die so geschwungen waren, als lachte sie ständig. Oder als wollte sie ständig geküsst werden. Dieser Gedanke stellte sich ungebeten ein, als er ihren Mund anstarrte. Die reinste Versuchung. Unter der Intensität ihres Blickes spürte er, wie sein Nacken sich rötete.

»Ich verstehe. Du bist also spät abends aus dem Haus gegangen, obwohl du starke Schmerzen hattest, weil du unbedingt wissen wolltest, mit welchem Konservierungsmittel ich mein Haus so gut erhalte. Das leuchtet mir absolut ein.«

Aus ihrer Stimme war keine Belustigung herauszuhören und es schwang noch nicht einmal eine Spur Sarkasmus mit, und doch stieg die Röte weiter in sein Gesicht auf. Ihre Augen sahen zu viel. Sie blickten dort in ihn hinein, wo er nicht gesehen werden wollte, wo er es sich nicht leisten konnte, gesehen zu werden. Er hätte gern den Blick abgewendet, aber es schien, als könnte er seine Augen nicht von ihr losreißen.

»Sag mir den wahren Grund, aus dem du hier bist.« Ihre Stimme war sanft und ermutigte zu vertraulichen Mitteilungen.

Er fuhr sich frustriert mit beiden Händen durch das Haar. »Ich weiß es wirklich nicht. Es tut mir leid, dass ich in deine Privatsphäre eingedrungen bin.« Aber es tat ihm überhaupt nicht leid. Das war eine glatte Lüge und beide wussten es.

Sie trank wieder einen Schluck von ihrem Tee und deutete auf seinen Becher. »Trink das. Es ist eine ganz spezielle Mischung, die ich selbst zusammenstelle. Ich glaube, du wirst den Tee mögen, und ich weiß, dass er dir guttun wird.« Sie grinste ihn an. »Ich kann dir versprechen, dass keine Kröten und auch keine Spinnen drin sind.«

Sarahs Lächeln verschlug ihm augenblicklich den Atem. Mit nichts weiter als einem Lächeln versetzte sie ihm einen solchen Hieb in die Magengrube, dass ihm die Luft wegblieb. Er wartete, bis er sich wieder so weit gefasst hatte, dass er sprechen konnte. »Weshalb glaubst du, ich bräuchte etwas, was mir guttut?«, fragte er und rang um Ungezwungenheit.

»Um das zu erkennen, braucht man keine Wahrsagerin zu sein, Damon. Du humpelst. Um deinen Mund herum haben sich tiefe weiße Furchen in dein Gesicht eingegraben und dein Bein zittert.«

Damon hob die Tasse an seine Lippen und trank vorsichtig einen Schluck von dem Aufguss. Der Geschmack war einzigartig. »Ich bin vor einer Weile angegriffen worden.« Die Worte waren ihm über die Lippen gekommen, bevor er sie zurückhalten konnte. Voller Entsetzen starrte er in den Teebecher, denn er fürchtete, sie könnte ihm ein Wahrheitsserum einflößen.

Sarah stellte ihre Teetasse behutsam auf den Tisch. »Du bist von einem anderen Menschen angegriffen worden?«

»Nun ja, ein Außerirdischer war es nicht.« Er trank einen großen Schluck Tee. Sofort spürte er, wie sich Wärme in seinem Körper ausbreitete und an wunde, schmerzende Stellen gelangte.

»Weshalb sollte ein Mensch einen anderen töten wollen?«, sagte Sarah versonnen. »Das habe ich nie verstanden. Geld ist doch eigentlich ein blödsinniger Grund.«

»Die meisten Leute sind nicht dieser Meinung.« Er rieb sich den Kopf, als schmerzte er, aber vielleicht ließ ihn auch nur eine Erinnerung seinen Kopf reiben. »Menschen töten aus vielen verschiedenen Gründen, Sarah.«

»Das muss ja furchtbar für dich gewesen sein. Ich hoffe, derjenige ist geschnappt worden.«

Ehe er sich selbst daran hindern konnte, schüttelte Damon den Kopf. Ihre lebhaften Augen hefteten sich auf sein Gesicht und sahen wieder so tief in ihn hinein, dass er am liebsten lauthals geflucht hätte. »Ich konnte entkommen, aber mein Assistent...« Er unterbrach sich und verbesserte sich dann. »Mein Freund hatte weniger Glück.«

»O Damon, es tut mir ja so leid für dich.«

»Ich will nicht daran denken.« Er konnte es nicht. Das Ganze war noch viel zu nah, noch viel zu schmerzhaft. Es tauchte immer noch in seinen Alpträumen auf, und er trug es immer noch in seinem Herzen und in seiner Seele. Er konnte die Echos der Schreie hören. Er konnte den flehentlichen Blick in Dan Treadways Augen sehen. Dieses Bild würde er bis zu seinem Tode mit sich herumtragen. Es hatte sich unauslöschlich in sein Gehirn eingeprägt. Plötzlich war der Schmerz nahezu unerträglich. Innerlich weinte er. Seine Brust brannte und Kummer schnürte ihm die Seele zu.

Sarah streckte eine Hand über den Tisch, um ihre Fingerspitzen auf seinen Kopf zu legen. Die Geste wirkte ganz natürlich und ungezwungen, und ihre Berührung war so zart, dass er sie kaum spürte. Und doch war die Wirkung überwältigend. Es kam ihm vor, als sausten Sternschnuppen durch sein Gehirn. Winzige elektrische Impulse, die das entsetzliche Pochen in seinen Schläfen und in seinem Nacken gezielt bombardierten und es zersprengten.

Er packte ihre Handgelenke und zog ihre Hände von seinem Kopf. Er zitterte und sie konnte es fühlen. »Lass das sein. Tu das nicht.« Er ließ sie sofort wieder los.

»Tut mir leid, ich hätte dich vorher um Erlaubnis bitten sollen«, sagte Sarah. »Ich wollte nur versuchen, dir zu helfen. Möchtest du, dass ich dich nach Hause bringe? Draußen ist es schon dunkel, und es wäre nicht ungefährlich, wenn du versuchst, den Hügel ohne ausreichendes Licht hinunterzusteigen.«

»Dann ist das Konservierungsmittel in der Farbe also ein großes Geheimnis, das in der Familie bleiben muss«, sagte Damon in seinem Bemühen, die Situation aufzulockern. »Und dein Angebot, mich nach Hause zu fahren, nehme ich gern an.« Es tat seinem Selbstwertgefühl Abbruch, aber er war schließlich kein Vollidiot, obwohl er sich so idiotisch benommen hatte, dass sie ihn längst dafür halten musste.

Sarahs leises Lachen verblüffte ihn. »Ich weiß tatsächlich nicht, ob das Konservierungsmittel ein Familiengeheimnis ist oder nicht. Ich werde mich wohl mal mit dem Thema befassen müssen. Anschließend hörst du von mir.«

Damon lächelte unwillkürlich, als er sie lächeln sah. Sarahs Lachen hatte etwas Ansteckendes und ihre Persönlichkeit machte süchtig. »Wusstest du überhaupt schon, dass der Wind bei deiner Heimkehr tatsächlich geflüstert hat: ›Sarah ist wieder da. Sarah ist nach Hause gekommen‹? Ich habe es selbst gehört.« Die Worte rutschten ihm heraus, nahezu eine Huldigung.

Er hatte erwartet, dass sie lachen würde, aber sie tat es nicht. Sie schien erfreut zu sein. »Wie schön du das gesagt hast. Danke, Damon«, sagte sie aufrichtig. »Stand das Tor wirklich offen? Das Eingangstor mit den kunstvollen Verzierungen? Oder war es die kleine Seitentür im Zaun?«

»Ja, es stand weit offen und hat mich willkommen geheißen. So habe ich es zumindest empfunden.«

Ihre meerblauen Augen glitten über sein Gesicht und nahmen jede Kleinigkeit wahr. Er wusste, dass sein Anblick nicht gerade berauschend war. Ein Mann in seinen Vierzigern, vom Leben lädiert und vernarbt. Die Narben waren ihm äußerlich nicht anzusehen, aber sie gingen tief, und Sarah konnte eindeutig den gepeinigten Mann sehen, der sich unter seinem Äußeren verbarg. »Das ist ja hochinteressant. Ich glaube, es ist uns bestimmt, Freunde zu werden, Damon.« Ihre Stimme hüllte ihn in Seide und Glut ein.

Damon verstand jetzt, warum die Bewohner der Kleinstadt ihren Namen mit solcher Ehrfurcht aussprachen. Mit Respekt. Die geheimnisvolle Sarah. Sie schien so offen zu sein und doch schienen ihre Augen Tausende von Geheimnissen zu bergen. Ihre Stimme war Musik und ihre Hände besaßen heilende Kräfte. »Ich bin froh, dass du nach Hause gekommen bist, Sarah«, sagte er und hoffte nur, er würde sich mit dieser Bemerkung nicht noch mehr blamieren.

»Ich auch«, antwortete sie.

 

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